nonstop = nonsense

Ist die SHIFTSCHOOL-Zeit nicht unglaublich stressig? Das werde ich wirklich oft gefragt. Naja, tatsächlich ist ganz schön viel los, seit dem ich wieder zur „Schule“ gehe. Warum diese Sorte Stress für mich eher eine Bereicherung ist, welche Rolle dabei gelegentliches Rasten spielt, wie man bei all dem Spaß nicht ausrastet und man Stress ansonsten vorbeugen kann, darum geht es diesmal hier.

„Wer rastet , der rostet!“ sagt ein Sprichwort. Was zu lange still steht, wird unbeweglich. Das gilt für den Körper genau wie für den Geist. Wie immer stimmt aber auch hier: die Dosis macht das Gift. Gerade unser Geist kommt eigentlich kaum noch zur Ruhe. Alles passiert schneller und irgendwie gleichzeitig, auf mehreren Kanälen sind wir parallel Empfänger oder Sender, Digitalisierung und mobiler Kommunikation sei Dank. Während wir im Meeting sitzen, schreiben wir grade noch eine Nachricht fertig. Das wirkt wichtig, macht uns scheinbar unentbehrlich, stresst aber auch alles ziemlich.
Und Stress ist schlecht. Oder?

Was ist Stress eigentlich?

Ursprünglich ist Stress ist nichts Schädliches, im Gegenteil. Stress sorgt schon immer dafür, dass unser Körper im Notfall Höchstleistungen vollbringt. Wenn also unser jagender Vorfahre auf irgend ein wildes Tier oder einen feindlich gesinnten Mitmenschen traf, konnte er blitzschnell von Gemütlichkeit auf Kampf oder Flucht umschalten. Oder sich tot stellen.

Dieser Schutzmechanismus funktioniert mit Hilfe von Hormonen wie z.B. Adrenalin, die einen Teil unseres Nervensystems aktivieren (nämlich den Sympathikus, zuständig für Aktivität) und einen anderen Teil abschalten (nämlich den Parasympathikus, zuständig für Ruhe und Regeneration). Daraufhin produziert der Organismus verstärkt Energie und sorgt gleichzeitig dafür, das momentan überflüssige (weil nicht lebensnotwendige) Funktionen gehemmt werden, also z.B. die Blutzufuhr zu den inneren Organen.

„Ganz allgemein gilt für jegliche Herausforderung: Je bedrohlicher / stressender die Situation erlebt wird, umso weniger ist mit intelligenten, kreativen oder ethischen Lösungen zu rechnen. Denn so wie sich das Gehirn während der Evolution sozusagen vom Rückenmark über Stammhirn und Mittelhirn zum Großhirn hin entwickelte, so fallen bei Stress in umgekehrter Reihenfolge die höheren, differenzierten Funktionen immer mehr, zu Gunsten der reflexhaften und schnelleren, unbewussten Reaktionsweisen aus. Erst wenn man die Anforderung überlebt hat und sich beruhigen konnte, kommen die zeitweilig nicht verfügbaren Fähigkeiten wieder.“

Dr. med. Alfons Lindemann

Was dabei Stressauslöser sein kann, ist ganz individuell – je nachdem, was man bedrohlich oder bedeutsam empfindet. Es reicht sogar die Vorstellung davon (was vermutlich jeder kennt, der sich z.B. schon mal vor einer Prüfung verrückt gemacht hat).

Wandertag
Offline & entspannt am Seebensee. Ohne Pausen hätte ich es gar nicht bis zum Ziel geschafft:)

Chill mal wieder! 

Auszeiten und ein Ausgleich zum Stress sind also wichtig und wir brauchen sie. Ansonsten wird Stress vom Ausnahmezustand zum Standard und das geht auf die Gesundheit. Schlafstörungen können z.B. eine Folge sein oder auch Muskelverspannungen. Die aus Australien stammende Medizin-Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn und die amerikanische Psychologin Elissa Epel haben außerdem einen Zusammenhang zwischen negativem Stress und vorzeitigem Altern gefunden. Demnach beeinträchtigt Stress die Zellerneuerung und das lässt uns schnell alt aussehen.

Eine weitere naheliegende Folge von stressbedingt weniger intelligenten, kreativen oder ethischen Lösungen sind logischerweise schlechtere Arbeitsergebnisse. Ein gewisses Maß an Müßiggang ist dementsprechend sogar eine wesentliche Voraussetzung für Kreativität und Produktivität. Klaus Ehrlenspiel und Harald Meerkamm schreiben dazu: 

„Kreative Einfälle ereignen sich nicht in Zuständen emsiger Betriebsamkeit, sondern in Übergangs- und Wartezeit, beim Müßiggang. Phasen der Langeweile, des Dösens können schöpferische Zustände sein. Vom Prozess her gesehen, sind die vier Phasen der Kreativität, die Wallas schon 1926 beschrieben hat (….), heute in der Denkpsychologie immer noch von Bedeutung:
(1) Preparation, d.h. eine intensive Beschäftigung mit dem Problem. (…)
(2) Inkubation, d.h. das Untersuchte soll in einer Ruhephase in das Unterbewusstsein absinken können. Damit ist auch Vergessen des Unwesentlichen verbunden.
(3) Illumination, d.h. dem Einfall in einer entspannten Situation eine Gelegenheit zu geben und
(4) Verifikation, d.h. die Ausarbeitung und weitere Gestaltung des Einfalls vorzunehmen.“ ¹

K. Ehrlenspiel / H. Meerkamm; „Integrierte Produktentwicklung„; S. 432

Außerdem betonen sie die positive Einstellung zum Leben im Hinblick auf die Frage „Wie kann man auch aus Fehlern und Irrwegen noch etwas Positives machen?“  Eine ganz wichtiges Thema, mit dem sich auch das F***-Festival der CLASS TWO beschäftigt, das am 22. September 2017 stattfindet. Nicht verpassen!

Cafe Kraft
Auf Kraft alleine kommt es nicht an, man braucht auch eine gute Technik. Beim Bouldern, aber auch im Umgang mit Belastungen.

 

Eine Frage der Einstellung

Das, was für mich Stress ist, lässt andere kalt. Dafür bleibe ich ruhig in Situationen, die andere wahnsinnig machen. Vielleicht macht mir die Sache sogar Spaß. Etwa einen Blog zu schreiben:) Oder in die Schule gehen und ständig neues Zeug mit tollen Leuten lernen.

Stress aktiviert den Körper. Wie wir uns dabei fühlen (positiv = Eustress, negativ = Distress) hängt von unserer Bewertung ab. Und die wiederum entwicklen wir auf Basis unserer Erfahrungen und unserer grundsätzlichen Einstellung.

Je mehr Erfahrungen ich sammle, mich dabei ausprobiere und auch mal die berühmte Komfortzone weiter ausdehne, um so fundierter wird mein Urteil sein und um so sicherer werde ich mich fühlen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das ein oder andere seinen Schrecken verliert oder sogar zum Vergnügen wird.

Wie stark wir Termine, berufliche Herausforderungen oder Veränderungen als Belastung empfinden, hängt weiterhin stark davon ab, wie zufrieden wir mit unserem Leben insgesamt sind. Dazu gibt es einige Studien, z.B. diese von der TK, aber eigentlich kann man dazu auch einfach über sich selbst nachdenken und kommt vermutlich zum einem persönlich relevanterem Ergebnis. Statistiken sagen über den Einzelnen nämlich nichts aus. Um so wichtiger also, sich mal wieder mit sich selbst auseinander zu setzen.

„Je wohler wir uns fühlen, desto weniger kann Stress uns und unserer Gesundheit anhaben. Dafür können wir also nicht genug tun.“²

Flow Magazin; Heft 24 /2017;  S.83

Dazu passt aus meiner Sicht sehr schön dieser Satz:

Handlettering entspannt mich
Es kommt immer darauf an, wie man es nimmt. Idealerweise so leicht wie möglich.

 

Was tun?

Vor kurzem habe ich den Film „Happy Burnout“ gesehen. Der Film fand ich nicht so gut, aber der Titel passt hier schön her als Überleitung:) Damit es nicht zum Burnout kommen muss, ist es wichtig, in Zeiten, in denen man gerade nicht besonders belastet ist, vorbeugend seine eigenen Ressourcen zu stärken. Die umfassen innere Kräfte (z.B. Selbstvertrauen) und äußere Unterstützung (z.B durch Freunde oder die Familie).

Was man dafür tun kann:

  • Das eigene Zeitmanagement mal darauf überprüfen, ob genug Pausen und Ruhephasen eingeplant werden und dann ggf. anpassen.
  • Sich mit Menschen umgeben, die einem gut tun und zusammen etwas machen, was man gerne tut oder etwas ausprobieren, was man noch nie getan hat.
  • Stress abbauen durch Bewegung, idealerweise in einer reizreduzierten Umgebung. Wandern auf abgelegenen Pfaden oder Steigen, wenn man denn geübt genug ist. Ansonsten hilft auch ein Spaziergang, eine gemütliche Radtour oder, oder, oder.
  • An sich selbst glauben und auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen.
  • Eine Entspannungstechnik lernen wie z.B. Progressive Muskelentspannung.

Letzteres geht nicht von heute auf morgen und braucht einen Trainer, lohnt sich aber sehr. Hier vier Ideen für den Alltag, mit denen man augenblicklich loslegen und die oben genannten Gedanken in die Tat umsetzen kann:

Übung 1: Ansprüche hinterfragen
Einer der größten Stressoren ist tatsächlich unser eigener Anspruch an uns selbst, stressiger finden wir nur noch Schule, Studium und Beruf. Gerade unsere eigenen Ansprüche können wir aber am einfachsten beeinflussen – und versuchen, sie zurückzuschrauben. Hilfreiche Fragen in dem Kontext sind z.B.:

  • Ist das wirklich wichtig?
  • Ist das in fünf Jahren auch noch wichtig?
  • Muss ich das unbedingt erledigen, damit ich weiterkomme?
  • Kann ich mir Hilfe suchen oder das vielleicht sogar abgeben?

Better done than perfect – hier nochmal zur Erinnerung:)

Übung 2: Dankbar sein und optimistisch denken
Kurz nach meinem Einzug in die die neue Wohnung habe ich eine Freundin zum Frühstücken eingeladen. Während ich ihr die Wohnung gezeigt habe, sollte der Kaffee durch den Espressokocher laufen. Leider ging da etwas schief und das Ding explodierte quasi, Kaffeepulver klebte überall, an den Fenstern, den Wänden,… Meine Freundin sah die Bescherung und sagte als erstes: „Da können wir dankbar sein, dass wir gerade draußen waren, so ein Glück!“ Mich hat das schwer beeindruckt, mein erster Gedanke umfasste nämlich diverse Schimpfwörter und kann darum hier nicht aufgeschrieben werden. Seitdem versuche ich in jeder Situation erst mal das Gute zu suchen und für etwas dankbar zu sein. Mir hilft das, konstruktiver und mit positiverer Energie durchs Leben zu gehen. Klappt langsam immer besser.

Übung 3: Ich muss nicht, ich will! 
In seinem Buch „Die Entscheidung liegt bei dir! Wege aus der alltäglichen Unzufriedenheit“ beschäftigt sich Reinhard K. Sprenger mit dem Thema Selbstverantwortung und damit, die eigenen Wünsche ernst zu nehmen, Spielräume zu erkennen und den Mut zu finden, Entscheidungen zu treffen. Wer das nämlich schafft, ist entspannter und zufriedener. Ganz einfach kann man das im Alltag umsetzten, indem man das „ich muss“ durch „ich will“  bzw. „ich möchte“ oder „ich werde“ ersetzt. Denn in unserem Leben passiert sowieso nur das, was wir zulassen. Sprache ist etwas sehr mächtiges und es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man sich in seinem Leben ständig vorsagt, dass man nur macht, was andere wollen oder ob man selbst bestimmt, was passiert. 

Übung 4: Nein sagen
Wenn ich etwas gar nicht will, dann überlege ich mir gut, ob ich es dennoch tue. Ein freundliches „nein“ zu den Wünschen anderer und damit ein „ja“ zu den eigenen Bedürfnissen und Wünschen ist dann vielleicht die bessere Entscheidung. Ist am Anfang nicht leicht, mit der Zeit wird’s aber einfacher. Ausprobieren lohnt sich:)

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.“
Johann Wolfgang von Goethe

Wie immer, geht es darum auch hier um den Praxistransfer: üben und machen! Hast Du noch mehr Ideen? Dann gerne her damit!

Durch Digitalisierung können jetzige Aufgaben oder Tätigkeiten in Zukunft ganz oder teilweise von Programmen und Maschinen übernommen werden. Schön. Denn ich hoffe, dass wir die gewonnene Zeit nicht in den Bau von sich noch schneller drehenden Hamsterrädern stecken. Sondern uns stattdessen gemeinsam überlegen, wie wir die Welt zu einem schönen Platz für alle machen. Nach bestimmt anstrengenden Diskussionen dazu brauchen wir sicher mal eine Pause, in der wir irgendwo entspannt der Illumination eine Chance geben. Oder einfach Zeit, um unsere schöne Welt zu genießen.

Und wer jetzt noch nicht genug hat, es ganz genau wissen will oder noch mehr tun will, der findet hier noch mehr:

  • Karten für das F***-Festival gibt es hier.
  • Das gegenwärtig wohl einflussreichste psychologische Stressmodell ist das „Transaktionale“ Modell von Lazarus. Infos dazu gibt es  hier.
  • Das Buch von Klaus Ehrlenspiel und Harald Meerkamm gibt es z.B. hier.
  • Das Buch von Reinhard K. Sprenger gibt es hier. Auch schön als Hörbuch zu hören.
  • Aktiv etwas für Entspannung und Wohlbefinden tun kann man z.B. in Kursen von Alexandra Adamo. Dort lernt man neben Entspannungstechniken wie z.B. Progressive Muskelentspannung auch, wie man Stress vorbeugen kann. Kann ich sehr empfehlen! Mehr Infos gibt es hier.
  • Flow Magazin bietet ein schönes Übungsheft zum Thema Achtsamkeit hier.
  • Input rund um den Mut loszulaufen, Grenzen zu überwinden, Innezuhalten und nicht aufzugeben gibt es hier. Glückswissenschaftlich fundiert und für Skeptiker geeignet.

Auch Bewegung kann für Stressabbau und gesteigertes Wohlbefinden sorgen. Hier ein bisschen was zum relaxten Hüpfen und Springen:

 

An dieser Stelle auch ein großes Danke an Annette, weltbeste Tourenplanerin und fieseste Uno-Spielerin rund um die Zugspitze, mit der ich sicher auch in der Pension Garni Daheim den allergrößten Spaß gehabt hätte:) Statt dessen waren wir in der Coburger Hütte und haben Hin- und Rückweg ganz entspannt miteinander genossen.


¹Klaus Ehrlenspiel und Harald Meerkamm: „Integrierte Produktentwicklung: Denkabläufe, Methodeneinsatz, Zusammenarbeit“; Carl Hanser Verlag GmbH Co KG; 2013. 

²Flow Magazin; Verlag G+J Living & Food GmbH; Hamburg; Heft 24 /2017

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s