Fein gemacht 

Vor einiger Zeit hat eine meiner Nichten intensiv darüber gegrübelt, womit ich wohl mein Geld verdiene. Ziemlich realistisch erschien ihr die Idee, ich würde durch die Firma laufen und die Mitarbeiter loben. Eine schöne Vorstellung, ich lobe nämlich gern. Allerdings kritisiere ich genau so gern…. 

Wobei ich sagen kann, dass ich zwar schon oft Leute über zu wenig Lob klagen hörte. Zu wenig Kritik hat aber bislang noch keiner beanstandet. Dabei geht das in meinen Augen Hand in Hand und ich finde, es braucht auch beides gleichermaßen.

Nicht geschimpft ist… – nichts

Jemand hat etwas Tolles erreicht, Herausragendes geleistet oder etwas Mutiges gewagt? Dann sollte man das auch anerkennen. Weil sich jeder freut, wenn man tadelloses Verhalten oder eine besondere Leistung bemerkt, muss man meiner Meinung nach auch nicht drauf warten, dass das Lob „von oben“ kommt. Warum selbst nicht die Kollegin dafür würdigen, dass sie eine spannende Idee eingebracht hat? Oder den Kollegen, der eine öde Veranstaltung mit einer unterhaltsamen Rede gerettet hat? Vielleicht fällt es dadurch anderen erst auf, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn etwas gut läuft. Auch eine Führungskraft kann nicht immer alles im Blick haben oder ist manchmal vielleicht unaufmerksam… und darf auch mal gelobt werden. Finde ich.
Wer selber gelobt werden will, sollte andere loben. So einfach.

In der Praxis ist das dann aber doch wieder schwer. Vielleicht weil es zu wenig geübt wird? Wie praktisch, dass man das jederzeit tun kann! #losjetzt! #machen

Gfoit ma
…hört man natürlich immer gern. Kann man auch mal außerhalb von Facebook anbringen.

Da geht noch was!

Kritik halte ich für ebenso wertvoll wie Lob – auch wenn ich selbst schon das ein oder andere Mal geschluckt habe. Gerade dann, wenn sie den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Diese Rückmeldungen haben mir wahnsinnig geholfen, mich zu entwickeln oder zumindest Entwicklungsfelder als solche zu erkennen. Und darum bin ich den Menschen, die sich die Mühe gemacht und mir das Unangenehme gut verpackt haben, ganz besonders verbunden. Denn: Ein Kritikgespräch ist für beide Seiten anstrengend und kostet Überwindung – eben auch für den, der den Schritt macht und sich zu Wort meldet. Das sollte man nicht vergessen und schon alleine dafür dankbar sein.

Kritik ist ein Hinweis darauf, dass etwas nicht gut klappt und noch besser gehen kann. Sie zeigt, dass jemand nicht bereit ist, sich zufrieden zu geben. Konstruktive Kritik ist also eine Chance, spornt an und ist in meinen Augen essentiell für Höchstleistungen.

Was ich Dir schon immer mal sagen wollte…

Beachten sollte man als Feedback-Geber:

  1. Kritik sollte sich auf eine konkrete Wahrnehmung beziehen und für den anderen nachvollziehbar sein. Man darf ruhig nachfragen, ob das Gegenüber den Punkt versteht, den man da gerade angesprochen hat. Ist das so gar nicht der Fall, sollte man das erst mal klären. Es gibt ja immer verschiedene Perspektiven und vielleicht gab es einfach ein Missverständnis…
  2. Man sollte mitteilen, welche Wirkung das oben beschriebene Verhalten, die Leistung oder das Erlebnis auf einen hatte. Das äußert man idealerweise in einer „ICH-Botschaft“ – denn die Wirkung ist etwas subjektives. Was ich zu schwer finde, kann meine Kollegin vielleicht im Schlaf.
    Außerdem wirkt es auch unsicher, wenn man sich in der Kritik hinter anderen versteckt oder übergriffig, wenn man sich heldenhaft vor alle schmeißt. Jeder spricht für sich, es braucht hier keine Mehrheit oder ein „Wir“.
  3. Damit der Empfänger des kritischen Feedbacks auch eine Chance hat, es besser zu machen oder zumindest meine Vorstellung kennt, ist es gut auch einen klaren Wunsch zu äußern. Als Vorgesetzter kann ich mit meinem Mitarbeiter vereinbaren, dass er den umsetzt oder es ihm sogar auftragen. Aber Achtung: Wenn der Widerstand hier massiv ist, halte ich eine weniger autoritäre Lösung für angezeigt. Das Spiel „Ober sticht Unter“ frustriert nämlich schnell und langfristig hat keiner was davon.
    Der Wunsch macht die Kritik konstruktiv und bietet eine Lösung an. Das unterscheidet sie von nörgeligen Vorwürfen oder einer Beschwerde. Was nicht heißt, dass sich daraus automatisch eine wundersame Einigung ergibt: Ein uneinsichtig wirkendes Gegenüber kann man auch einfach erst mal bitten, über die Kritik und den Wunsch nachzudenken. Immerhin hat man selbst meist lange überlegt, was man sagen will und der Gesprächspartner ist vielleicht überrascht und braucht noch Bedenkzeit.

Ein passendes Setting (ungestört, ruhig, ausreichend Zeit) hilft. Und logischerweise sollte man auch nicht eine Liste mit Kritikpunkten mitbringen. Wenn es was zu sagen gibt, sollte man das zeitnah erledigen und geklärte Punkte dann auch innerlich abhaken.

Emotion is good, but don’t get emotional

Auch heftige Emotionen sollte man erst mal abkühlen lassen, sonst wird aus der Kritik schnell ein unbeabsichtiger Angriff. Und weil man ja von den Besten lernen soll, habe ich hier einen schönen Tipp von einem Profi, dem großen, gerade verstorbenen Kultur-Kritiker Joachim Kaiser:

„Ich bin 15 bis 20 Prozent höflicher als mir zumute ist, weil der andere auch ein Mensch ist, den man nicht so kränken soll, dass man sich mit ihm nie mehr zusammen zum Glas Wein setzen kann.“

Joachim Kaiser

Ohren auf, Mund zu

Als Feedback-Empfänger darf man:

  1. Einfach zuhören. Verteidigung oder Erklärungen sind nicht nötig, rechtfertigen muss man sich nur als Angeklagter. Wenn man das Gefühl hat, es geht in eine ganz falsche Richtung oder wird gar ungerecht, kann man seine Sicht der Dinge anbieten. Ansonsten geht es hier darum, aufmerksam zu sein. Und das kann man eben nicht, wenn man in Gedanken schon Rechtfertigungen formuliert.
  2. Feedback ist ein Geschenk, sagt man. Auch wenn es einem nicht gefällt, kann man sich doch höflich dafür bedanken. Schon alleine, damit sich der Feedback-Geber bei anderer Gelegenheit mal wieder die Mühe macht. Außerdem zeigt Kritik auch immer, dass das Gegenüber der Meinung ist, dass man sich entwicklen kann – und dass noch Luft nach oben ist. Was ja eigentlich auch irgendwie ein Kompliment ist.
  3. Was man aus der Kritik macht, kann man sich überlegen und dann entscheiden.

Denn: wir sind nicht auf der Welt, damit wir den Vorstellungen von anderen Leuten entsprechen. Viel wichtiger sollte es sein, den eigenen Ansprüchen zu genügen.

Achtung, Achtung!

Das allerdings ist manchmal eine ganz schöne Belastung. Offensichtlich gehen wir mit kaum jemanden so hart ins Gericht, wie mit uns selbst. Darunter leiden Selbst-Achtung und Selbst-Wertgefühl – dabei haben wir allen Grund, uns zu loben. Und zu lieben.
Mit genau diesem Thema setzt sich der Film „Embrace“ von Taryn Brumfitt auseinander, den ich gestern mit der wunderbaren Svenja gesehen habe.

Hier der Trailer zum Film, einem klugen, berührenden und lustigen Werk:

 

Ist die positive Wahrnehmung der eigenen Personen und die Achtung vor sich und anderen eine Voraussetzung für eine gelebte Lernkultur? Vielleicht. Denn: Wer sich selbst gut findet und sich grundsätzlich wohl mit sich fühlt, der kann auch mit Kritik besser umgehen. Und wer die Menschen um sich herum achtet, der kann ihnen auch auf Augenhöhe begegnen, wenn es mal unterschiedliche Ansichten gibt. Kritik ist dann einfach auch nur eine Meinung, eine weitere Facette oder ein zusätzlicher Impuls – und nicht die absolute Wahrheit, die total erschüttert. Es lohnt sich, die eigenen Ansprüche zu hinterfragen und gegebenenfalls zu Gunsten eines entspannten Selbst zu ändern.

So schön!

Wie sich das anfühlt, ganz unerwartet mit Lob überschüttet zu werden, habe ich erst letzten Samstag erlebt, da war das nämlich Teil des morgendlichen Rituals. Über unsere Rituale habe ich auch schon ein paar mal berichtet. Im aktuellen Magazin zur Nürnberg Web Week gibt es Thor van Horn dazu einen Artikel, den ich jedem ans Herz lege.

 

Den oben erwähnten Artikel gibt es hier. Und dort gibts noch ein bisschen mehr:

  • Wer die Nürnberger Web Week noch nicht auf dem Schirm hat, der sollte sich hier mal einen Überblick verschaffen. Vielleicht treffen wir uns?
  • Mehr über den Kritiker Joachim Kaiser gibt es hier.
  • 10 Regeln für motivierendes Lob kann man hier finden.
  • Und wie man entspannt scheitert, darum geht es hier.
  • In der SHIFTSCHOOL laufen gerade einige Sachen parallel und im Hintergrund. Unser Festival ist nur einer kleiner Teil. Einen Bericht zur letzten Challenge von Team „Jinn Tronic“findet sich hier.

Ich lobe an der Stelle meine besten, härtesten und die mir liebsten Kritiker, für ihre schlauen, wertschätzenden Gedanken, die sie sich machen..:) Danke, dass es euch gibt!

Und zu guter Letzt: ich freue mich immer über Feedback zum Blog.
Was gefällt, was kann ich besser machen? Lass es mich wissen:) Danke!

 

2 Kommentare zu „Fein gemacht 

  1. Hallo !
    Sehr schön – nicht weil es um’s „loben“ geht sondern weil er passend und richtig ist.
    Kritik zu üben (also können wir es ja noch nicht richtig – -:) ) ist nicht einfach und eine echte Kunst.
    Ich hörte einmal die Version „Kritik so formulieren, dass sie sich wie ein wärmender Mantel um einen legt“ – klingt gut, lebt sich schwer.
    Ich merke – viel macht der Blick, der erste Satz, der Tonfall.
    Einmal verstehe ich es als sinnvoll, hinweisend – einmal nur negativ und abwertend. Entsprechend fällt meine Re-Aktion aus.
    Danke für den Artikel !

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