Seitenwechsel

Die Perspektive wechseln – was das bringen kann, habe ich heute in doppelter Hinsicht erlebt.

Vor Kurzem habe ich ja schon mal hier darüber berichtet, dass wir als Team die Aufgabe und Chance haben, gemeinsam ganz ohne Führungskraft ein Event zu organisieren. Ich persönlich finde das ein hochspannendes Experiment und bin gespannt, ob wir diesen fast schon utopischen Gedanken realisieren können.

„Not finance. Not strategy. Not technology. It is teamwork that remains the ultimate competitive advantage, both because it is so powerful and so rare.“

Patrick Lencioni

Nachdem ich mich seit einigen Jahren intensiv mit Kommunikation, Teambuilding und Leadership beschäftige, bin ich fest davon überzeugt, dass uns das gelingen kann – aber nur, wenn wir das Ganze wirklich ernst nehmen. Guter Wille alleine wird da nicht reichen.

Das teilen Tina und Tobi mit mir und weil ein bisschen Platz im Stundenplan frei geworden ist, darf ich den mit einem eigenen Impuls zum Thema „Kommunikation im Team“ füllen. Oh, wie aufregend. Normalerweise habe ich es mit Gruppen zu tun, die nur halb so groß sind, mein Zeitplan ist nicht so straff,… Aber egal, wird schon werden.

Im ersten Moment erinnert mich das Ganze ein bisschen an meine mündliche Abschlussprüfung zum Thema „Teamphasen“, damit steige ich nämlich ein. Für die Entwicklung von Teams gibt es verschiedene Modelle. Eines ist vom Psychologen Bruce Tuckman; der beschreibt 1965 vier Phasen :

  • „Forming“ (Orientierung),
  • „Storming“ (Machtkampf),
  • „Norming“ (Vertrautheit) und
  • „Performing“ (Gemeinsame Leistung).

Diese Phasen bilden den idealtypischen Verlauf eines Prozesses ab, den eine Gruppe durchlaufen muss, um zu einem Team zu werden.

Laut Theorie und auf Basis der aktuellen Stimmung in der Gruppe, sind wir vermutlich noch beim Forming: Die Teammitglieder müssen sich und die Aufgabenstellung erst kennen lernen und sich einen Überblick über die Gegebenheiten verschaffen. Eine Gefahr in dieser Phase besteht darin, das Fehlen von Konflikten mit Einigkeit über Regeln und Normen zu verwechseln. Wichtige Inputs in dieser Phase können sein:

  • Kenntnis aller Teamphasen
  • Erwartungen an die gemeinsame Arbeit
  • Ziele
  • Geltende Regeln und Normen
  • Rollen und Aufgaben im Team
  • Feedback-Regeln

Einen Großteil der Punkte haben wir schon ganz streberhaft in unserem ersten Team-Meeting abgefrühstückt. Über Feedback haben wir aber noch nicht gesprochen. Bis heute.

Ich kenne diverse Feedback-Regeln. Sie alle vereint, dass sie irgendwie so wirken, als wäre Feedback meist eine von der übrigen Kommunikation losgelöste, besondere Angelegenheit. Was ich persönlich nicht nachvollziehen kann, weil in meinen Augen ein Großteil unserer Kommunikation eine Reaktion auf das Verhalten der Menschen um uns herum ist.

Wann immer es um Kommunikation geht, kommt man um einen Mann nicht herum: Friedemann Schulz von Thun. Bekannt wurde er mit Kommunikationsquadrat, oft auch als “Vier-Ohren-Modell” oder “Nachrichtenquadrat” bezeichnet. Kernaussage ist, dass jede Nachricht vier Seiten beinhaltet – ob man die jetzt bewusst ausspricht oder nicht. Also:

  • Sache: Worum geht es hier?
  • Beziehung: Wie sehe ich uns?
  • Selbstaussage: Wie geht es mir?
  • Appell: Was will ich von Dir?

Spricht man auf allen viel Ebenen, formuliert man im Idealfall ein klare, wertschätzende, authentische Botschaft, die Orientierung gibt – und trifft damit auf jeden Fall ein offenes Ohr beim Gesprächspartner. In der Theorie hört sich das ganz einfach an. Ich kenne aber kaum Menschen, die das in der Praxis richtig gut umsetzen.

Ich persönlich übe das in E-Mails. Die müssen ja sowieso geschrieben werden, in der Regel hat man da mehr Zeit zum Überlegen als in einem Gespräch und wenn alles klappt, spart man sich Zeit und Energie, weil man weniger Missverständnisse nachbearbeiten muss.

Gerade in unserem beruflichen Alltag läuft Kommunikation oft auf der reinen Sachebene ab, der Rest findet dann unter der Oberfläche statt. Dabei bestimmen Gefühle  die Sachebene mehr als umgekehrt. Ein gutes Beziehungsklima ist darum die wichtigste Grundlage für ein erfolgreiches Gespräch. Und: nur was an die Oberfläche kommt, kann bearbeitet werden.

Womit wir wieder beim Feedback wären, das in meinen Augen auch sehr gut über das vier Seiten-Modell transportiert werden kann. Gerne einfach mal ausprobieren…

Beim positiven Feedback klappt das genau wie bei der Kritik, wobei man da den Appell weglassen kann. Wer hört schon gern ein „Weiter so!“ oder bekommt eine neue Aufgabe in Kombination mit Lob für die letzte Meisterleistung? Diese Seite kann man dann einfach mit einem „Das wollte ich Dir nur mal sagen!“ bedienen.

 

Lässt man ansonsten in der Kommunikation eine Seite weg, entstehen leicht Missverständnisse, weil der Empfänger normalerweise versucht, sich die fehlende Information zu ergänzen. Aus meinem Beispielsatz „Das Essen ist fertig“ macht CLASS TWO also ruckzuck ganz spannende neue Sätze – in denen ich wahlweise ein hungriger Dienstleister oder eine fürsorgliche Hobbyköchin bin. So schnell kann’s gehen…

Manchmal fällt es uns aber gar nicht so leicht, auf jeder Seite eine klare Botschaft zu formulieren, z.B. wenn in uns ein innerer Konflikt herrscht. Schulz von Thun beschreibt in seinem Modell zum Inneren Team wie man damit arbeiten kann, um diese Konflikte zu moderieren. Ich hatte das ganz große Glück, dazu mal einen Vortrag von ihm höchstpersönlich anzuhören und mich hat das sehr bereichert.

Ich denke, dass ein Team nur dann optimal funktionieren kann, wenn es jedem einzelnen darin gut geht. In meinen Augen sollte sich darum jedes Teammitglied zunächst auch mit sich selbst befassen – quasi inneres Teambuilding. Der Zugang zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen gelingt danach mit Sicherheit besser, was in meinen Augen eine wesentliche Grundvorraussetzung dafür ist, dass man sich um sich selbst kümmern und sich selbst vertreten kann. Insbesondere, wenn es keine übergeordnete Instanz gibt, die diese Fürsorge übernimmt, halte ich das für extrem relevant.

In wiefern uns das gelingt, wird die Zeit zeigen. Und ich freue mich auf den Praxistest:)

Obwohl ich durch meinen eigenen Impuls erst mal inhaltlich keine neuen Erkenntnisse gewonnen habe, habe ich mich im Team nochmal anders erlebt und mir darum aus diesem Seitenwechsel einiges rausgezogen. Mit einer ganz anderen Sorte Seitenwechsel haben wir uns dann den restlichen Tag befasst. Davon dann im nächsten Beitrag mehr.

Update: So ein schönes Feedback…. kann ich nicht für mich behalten:)

batch

 

 

3 Kommentare zu „Seitenwechsel

  1. Wow, das sind viele Gedanken zu einem alten Thema. Die Theorie ist das eine, die Umsetzung die andere. Wichtig ist sich dabei aber überhaupt damit zu beschäftigen. Für mich auch eine Frage, die zu klären ist, wer ist überhaupt ein Team. Das unterscheidet sich bei mir z.B. klar von der Arbeitsgruppe oder Abteilung. Gut herausgearbeitet hast du auf jeden Fall das die Rollen und Verantwortungen klar sein müssen. Aus meiner Erfahrung gehört auf jeden Fall eines dazu: Gnade. Mit sich selbst und mit den anderen. Das passt jetzt irgendwie zu Weihnachten:-)
    Reiner

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    1. Danke, Reiner, für Deinen besinnlichen Kommentar:) Egal, ob Team, Gruppe oder Abteilung, eine mögliche klare Kommunikation und gegenseitige Rückmeldung ist bestimmt immer förderlich für die Zusammenarbeit. Wir können es ja alle mal versuchen, wäre bestimmt ein schöner gemeinsamer Vorsatz. Das passt dann auch zum Jahreswechsel;)

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